Ganz unten

Eines Tages stellt die Autorin fest, dass in ihrem Keller jemand wohnt. Wer? Und wieso?

In meinem Keller wohnen Menschen. Lange Zeit wusste ich nicht, warum. Nicht, wie viele es sind. Aber dass mein Keller ihr Zuhause ist, das wusste ich.

Manchmal begegnete ich ihnen im Hausflur. Sie hatten einen dunklen Teint und redeten Spanisch. Gesprochen habe ich nie mit ihnen. Von Zeit zu Zeit läutete es bei mir im dritten Stock, und wenn ich am Treppengeländer vorbei nach unten guckte, weil ich mich wunderte, dass niemand hochkam, dann sah ich Schatten durch die Kellertür verschwinden.

Anfangs, als ich eingezogen bin, hat mich das sehr beschäftigt. Wie viele sind es? Haben sie Licht? Gibt es ein Bad? Aber wie das so ist, man gewöhnt sich dran. Mit den Jahren vergass ich die Tür mit der abgewetzten goldenen Klinke zwischen der Waschküche und den Kellerabteilen. Wie eine aus der Mode gekommene Bluse, die im Kleiderschrank nach hinten rutscht. Man sieht sie nicht mehr, obwohl sie noch da ist.

Eines Tages beschloss ich zu klopfen

Letzten Oktober dann ging in meiner Wohnung die Waschmaschine kaputt. Nun stieg ich öfter mit einem Sack schmutziger Kleider in den Keller hinunter, wo eine Maschine und ein Trockner allen Mietern im Haus zur Verfügung stehen. Jedes Mal kam ich an den ordentlich entlang der Wand aufgereihten Schuhen vorbei. Und wenn die Tür, um die es hier geht, einen Spalt offen stand, hörte ich Stimmen oder Fernsehgeräusche.

In den fünf Jahren, die ich in diesem Haus wohne, habe ich alle Mieter kennengelernt. Im Erdgeschoss ging ich öfter babysitten. Im ersten Stock wurde ich zur Einweihungsparty eingeladen. Mit denen im zweiten teilte ich den Internetanschluss. Jene über mir, im vierten Stock, hatten ihre Wohnung untervermietet und mich netterweise mitentscheiden lassen, an wen. Die Frau aus dem fünften traf ich abends bei gemeinsamen Freunden. Nur die im Keller, die kannte ich nicht.

Eines Tages, an einem Vormittag im Herbst, beschloss ich, das zu ändern und an die Tür zu klopfen.

«Hallo, ich bin Diego», sagte der Mann, der die Tür öffnete. Aus leicht geröteten Augen schaute er mich neugierig an. Dunkle Augen, dunkles Haar, sorgfältig ausrasierte Schläfen. Sein Oberkörper war nackt, der oberste Knopf seiner Jeans stand offen. Er murmelte etwas auf Spanisch, griff dann nach einer Aluminiumdose und sprühte um sich. Rosenduft stieg mir in die Nase. Offenbar hatte ich ihn beim Kiffen gestört.

Aber mein Besuch schien ihm nicht unangenehm. Nachdem ich mich als Nachbarin vorgestellt hatte, begann er zu erzählen. Er sei 34 Jahre alt, seine Heimat die Dominikanische Republik. Seit einem Monat wohne er hier unten. Während er redete, strich er sich mit der Hand über den nackten Bauch und lehnte sich gegen den Türrahmen wie gegen eine Palme.

An der Decke hatten Spinnen ihre Netze geknüpft. In den Kellerabteilen lagen alte Stühle, Gartenliegen, Velos von denen, die wie ich oben im Haus wohnten. Vor dem Kellerfenster sah man die Schienbeine der vorbeieilenden Passanten.

Ich überreichte Diego mein Mitbringsel, ein frisch gebackenes Brot, in der Hoffnung, einen Blick in seine Wohnung werfen zu dürfen. Und tatsächlich, er winkte mich herein.

Im Halbdunkel sah ich eine Kochzeile, ein durchgelegenes Bett, einen Fernseher und einen Tisch mit zwei Stühlen. Ein Durchgang führte in einen zweiten Raum, in dem ein weiteres Bett stand. Für mehr war kaum Platz, weil eine Badzelle mit Waschbecken, WC und Dusche eingebaut worden war, grüner Schimmel an den Wänden. Im vorderen Bett schlief Diego, im hinteren die Freundin seines Bruders, der in Holland lebt. Ich verstand, dass Diego mir keinen Stuhl anbot, denn gemütlich war es hier nicht. Als ich mich verabschiedete, fragte er: «Muss ich warten, bis du das nächste Mal wäschst, um dich wiederzusehen?»

Oben im warmen Licht meiner Wohnung mit den holzvertäfelten Wänden, den zwei Balkonen und dem Parkettboden fühlte sich plötzlich alles anders an. Wie eine Bewusstseinserweiterung nach unten. Als wäre ich zum Meeresgrund hinabgetaucht und bekäme endlich wieder Luft.

Als ich abends das Haus verliess, um eine Freundin zu treffen, begegnete ich an der Haustür einer hübschen Latina. Sie lächelte mich an und sagte: «Bist du Clara?» Als ich nickte, gab sie mir die Hand und bedankte sich für das Brot. Sie war Diegos Mitbewohnerin, stellte sich heraus. Bevor ich nach ihrem Namen fragen konnte, war sie in ein wartendes Taxi gestiegen. Später erzählte mir Diego, dass Daniela in einer Bar an der Langstrasse arbeitet. Was genau, blieb unklar.

Die Sache ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Was dachte mein Hausverwalter sich nur dabei? Wenn auf meinem Balkon Tauben nisten, schickt er den Wildhüter. Kürzlich hat er meine komplette Wohnung streichen lassen. Ein Geschirrspüler wurde eingebaut. Kaputte Glühbirnen im Treppenhaus werden umgehend ausgewechselt. Er kümmert sich zuverlässig um seine Mieter. Nur im Keller scheinen andere Gesetze zu gelten. Vielleicht überhaupt keine Gesetze?

Wohnraum muss in der Stadt Zürich vom Hochbauamt genehmigt werden. Dort erhielt ich auf meine Frage, ob Wohnungen im Keller legal seien, keine klärende Antwort, weil jede Bewilligung in einem privaten Vertrag zwischen Stadt und Hausbesitzer geregelt wird, der für Dritte wie mich nicht einsehbar ist.

Ein befreundeter Architekt riet mir, das Planungs- und Baugesetz zu lesen, was ich am nächsten Tag tat. Fündig wurde ich auf Seite 66: «Wohn- und Schlafräume sind mit Fenstern zu versehen, die über dem Erdreich liegen, ins Freie führen und in ausreichendem Masse geöffnet werden können; die Fensterfläche hat wenigstens einen Zehntel der Bodenfläche zu betragen.»

Das Fenster von Diego führte in einen Schacht. Wenn er auf dem Bett lag, sah er gerade noch die Spatzen, die am oberen Fensterrand übers Gras hüpften.

Sollte ich Anzeige erstatten? Aber dann würde der Hausbesitzer davon erfahren. Und ich riskierte, dass er mich aus meiner hübschen, bezahlbaren Vierzimmerwohnung würde raushaben wollen.

Vielleicht muss ich an dieser Stelle kurz erklären, an was für einer Strasse ich wohne. Da prallen seit ein paar Jahren die Gegensätze aufeinander, wie man so schön sagt. Es gibt diese Cocktailbar, wo die Drinks angezündet oder aufgeschäumt werden und so viel kosten wie anderswo ein ganzes Gericht. Es gibt die Pizzeria, in der nie ein Gast einkehrt. Vor ein paar Jahren hat meine Mitbewohnerin durchs Küchenfenster beobachtet, wie aus einem fahrenden Auto ins Lokal geschossen wurde. Es gibt den Sadomaso-Klub, dessen Folterkammern ich mir im Internet angeschaut habe. Manchmal, wenn ich im Sommer auf dem Balkon frühstücke, erschrecken mich dumpfe Schreie von hinter dem roten Samtvorhang. Und es gibt das kleine Café, wo neben den jungen Müttern mit den teuren Kinderwagen die Bauarbeiter ihren Kaffee trinken, die rechts und links die Dächer ausbauen und die Fassaden frisch verputzen. Seltsame Strasse, müssen Touristen denken.

«Deine Wohnung solltest du unbedingt behalten», finden Freunde. «Das wird jetzt langsam zur Yuppie-Gegend», sagt mein Hausverwalter.

Ein paar Tage später. Ich helfe meiner Nachbarin im Erdgeschoss, ihre zwei kleinen Söhne in Schach zu halten, während sie einen Geburtstagskuchen backt. Sandra wohnt von allen Mietern am längsten im Haus und ist so etwas wie die inoffizielle Hausmeisterin. Wenn Handwerker ins Haus wollen, holen sie den Schlüssel bei Sandra. Auch der Besuch für den Keller läutet meistens bei ihr.

Seit sie vor 16 Jahren eingezogen ist, erzählt Sandra, habe immer jemand im Keller gewohnt. Am Anfang fünf ausländische Männer, wenn sie sich richtig erinnert, dann ein Schweizer Alkoholiker, danach eine drogenabhängige Frau, zuletzt eine Latina um die 50, die oft nach Italien fuhr. Sandra fettet die Kuchenform, während ihr Sohn sich geschmolzene Schoggi im Gesicht verreibt und ich das Baby durch die Wohnung trage.

«Ich hab keinen Überblick da unten», sagt Sandra, als ich ihr von Diego erzähle. Was sie aber bemerkt hat: Aus dem Keller zieht der Rauch von Joints durch die undichten Badezimmerritzen in ihre Wohnung hoch. Deshalb lässt sie ihre Kinder lieber in den vorderen Zimmern spielen.

1100 Franken Miete für ein Kellerloch

Wir sehen uns nun öfter, Diego und ich. Wenn ich Wäsche wasche, klopfe ich bei ihm, und wir reden ein bisschen. Meistens steht er im Türrahmen und ich vor der Waschmaschine. Weil seine Mutter von der Insel Curaçao stammt, einer ehemaligen Kolonie, besitzt er einen niederländischen Pass. Zuletzt hat er längere Zeit in Holland gelebt, davor in New York und an irgendwelchen anderen Orten. Im Hafen von Rotterdam hat er Schiffe repariert. Aber die Kälte ist wohl nicht sein Ding gewesen. «Für diesen Job muss man ein Eisbär sein», sagt er, «der Wind, das Wasser.»

Er spricht Spanisch, Englisch, Holländisch und die Kreolsprache Papiamentu. In Zürich würde er gern als Coiffeur arbeiten, er hat schon Kontakte. Das Problem ist: Bisher hat er weder einen Arbeitsvertrag noch eine Meldeadresse. Ohne Job keine Wohnung, ohne Wohnung keinen Job. Für den Keller bezahlen Daniela und er 1100 Franken Miete. Er kennt auch viele Landsleute, die mit Cannabis dealen. Die meisten von ihnen stehen abends im El Presidente an der Langstrasse herum, wohin er nur ungern geht, weil immer die gleiche Musik läuft.

Ich erfahre, dass Diego Vater von vier Töchtern ist, die bei ihren vier Müttern aufwachsen, eine in der Dominikanischen Republik, die anderen in Holland. Diego hat oft rote Augen. Das Rosen-Raumspray ist zum Ritual geworden, er verbringt viel Zeit da unten.

Einmal trägt Diego mein Velo die Kellertreppe hinunter. Ein andermal gehen wir abends Pool spielen, und Diego gewinnt alle Runden. Danach erzählt er, dass er früher um Geld gespielt hat. Manchmal kommt er nachmittags hoch in meine Wohnung, und wir trinken zusammen eine Tasse Tee. An meinem Küchentisch erklärt er mir auch die Sache mit der schwarzen Magie.

«Weisst du, Prinzessin, ich finde es gut, dass wir befreundet sind», sagt er. «Aber du solltest dir besser überlegen, wen du in deine Wohnung lässt.»

Er zögert mit den Details: Fast jeder Dominikaner, auch in Zürich, nutze schwarze Magie. Angenommen, einer wolle, dass ich mich in ihn verliebe. Er würde meine Unterwäsche oder ein Haar klauen, sie einem Voodoo-Priester in Haiti schicken, und der würde einen Zauber über mich verhängen.

«Es würde dir Pech bringen, Prinzessin», sagt Diego ernst.

Er habe früher selbst schwarze Magie angewendet, bis er ein hübsches Mädchen traf, das ihm die Kirche zeigte. «Sie war wirklich sehr hübsch», sagt er, «sonst wäre ich nicht mitgegangen.»

Seither besucht Diego regelmässig christliche Gottesdienste. Er trinkt kaum noch Alkohol, und mit Frauen ist er vorsichtig geworden, das bringe nur Probleme. Ich sage, dass ich nicht weiss, ob ich an Gott glaube, an die schwarze Magie jedenfalls glaube ich sicher nicht.

«Das liegt daran, dass du Europäerin bist!», ruft er und springt vom Küchenstuhl auf, um seinen Standpunkt zu unterstreichen. «Bei uns in der Dominikanischen Republik gibt es niemanden, der einem hilft, wenn man arm oder krank ist. Wir haben nur die schwarze Magie oder Gott. Bei euch in Europa ist die Regierung Gott.»

Irgendwann Anfang November, meine Waschmaschine ist noch immer kaputt, stopfe ich Leintücher in die Trommel im Keller. Diego taucht auf und streckt mir gut gelaunt ein A4-Blatt unter die Nase. Sein Arbeitsvertrag. Der Coiffeurladen nahe der Langstrasse gehört einem Bekannten, der bereit ist, ihn anzustellen. Und Diego hat auch eine Wohnung in Aussicht. Ein anderer Bekannter, Dominikaner wie er, zieht aus, weil seine Frau schwanger ist, und hat Diego seine Wohnung versprochen. Ich werfe einen Blick auf die Unterlagen. «Neufrankengasse 6», steht da. Eine Adresse, die ich kenne, und zwar aus den Medien.

Wer in den vergangenen Wochen die lokalen Zeitungen gelesen hat, dürfte kaum an den Berichten vorbeigekommen sein. Es ging um Wohnungen, die zu horrenden Preisen an Migranten vermietet worden sein sollen. Es kam zu Verhaftungen. Hausabwart «Eisenstangen-Ali», der Mietern mit Schlägen gedroht haben soll, wurde entlassen. Mehr als 1000 Franken Miete für 10 bis 20 Quadratmeter. Kein Strom, kaputte Wasserleitungen, Uringestank, Schimmel. Immerhin: Die Mieter der Neufrankengasse 6 sind im Besitz einer offiziellen Meldeadresse, wie Diego sie auch gern hätte.

Artikel 157 Strafgesetzbuch: Wucher

Schwer zu glauben: Mein Keller steht noch eine Stufe tiefer im Ranking der städtischen Schlafgelegenheiten.

Ich rufe beim Mieterverband an. «Mietzins-Wucher» heisst das Stichwort der Stunde. Die Wohnungen im Kreis 4, um die es in den Medien ging, kosten so viel wie mein Keller, haben eine ähnliche Grösse und liegen über der Erde. Der Vorwurf des Mietwuchers müsste also auch auf Diegos Zuhause zutreffen.

Von dem freundlichen, kompetenten Verbandsmitarbeiter erfahre ich: Wucher ist ein Straftatbestand. Nachzulesen im Strafgesetzbuch, Artikel 157: «Wer die Zwangslage, die Abhängigkeit, die Unerfahrenheit oder die Schwäche im Urteilsvermögen einer Person dadurch ausbeutet, dass er sich oder einem anderen für eine Leistung Vermögensvorteile gewähren oder versprechen lässt, (…) wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe bestraft.» Aber, lerne ich weiter: Der Betroffene muss selbst klagen. Sonst passiert nichts. Einmal abgesehen davon, dass Diego kein Wort Deutsch spricht: Er hat gerade andere Probleme, das kann man sagen.

«Geht es dir gut?», fragt er beim nächsten Treffen im Keller. Hinter uns liegt das Wochenende der Terroranschläge von Paris, und ich hatte angekündigt, dass ich eine Freundin in der französischen Hauptstadt besuchen würde. Während im Konzertsaal Bataclan und in mehreren Cafés 130 Menschen ermordet wurden, sass ich ein paar Hundert Meter weiter in einem ebenerdigen Restaurant mit grossen Fenstern. Auch Diego, der jetzt auf der Bettkante sitzt und durch die Tür hindurch mit mir spricht, hat eine besondere Erfahrung gemacht.

Am Montag war er in Zürich mit einem Freund verabredet, erzählt er. Der sollte sein Gewehr im Zeughaus inspizieren lassen. Die beiden sprechen Spanisch miteinander, der Freund hat dominikanische Wurzeln und einen Schweizer Pass. Am Stauffacher stiegen sie um, als plötzlich mehrere Trams von Polizeiautos gestoppt wurden. Einsatzkräfte mit Helmen und Schusswaffen sprangen heraus. «Das ist wegen uns», raunte Diego. «Du bist gross, schwarz, sprichst Spanisch, und dir hängt ein Sturmgewehr um den Hals.» Der Freund lachte noch, als bereits zwei vermummte Sondereinsatzkräfte mit Waffe im Anschlag vor ihnen standen.

Die Stadtpolizei bestätigt auf Anfrage: Am Montag, den 16. November, sind gegen 11 Uhr die ersten Hinweise eingegangen. Mehrere Personen hatten den Mann mit dem Sturmgewehr gesehen. Vor Ort stellten die Polizisten dann aber fest, dass die verdächtige Person die Waffe vorschriftsgemäss transportiert habe.

Laut Polizeisprecher Pascal Brauchli haben die Einsatzkräfte den Mann darauf hingewiesen, «dass es aufgrund der tragischen Ereignisse im Nachbarland Frankreich ratsam sei, das Gewehr etwas weniger offensichtlich zu transportieren».

Diego, der auf seinem Bett sitzt und durch die Tür mit mir spricht, wirft den Kopf zurück und schlägt sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel, so lustig findet er den Vorfall. Aber es könnte nicht deutlicher sein: Ich gehöre zu denen, die an einem Freitagabend mit Freunden in Paris Austern und Foie gras essen. Und er gehört zu denen, denen man zutraut, mit einer Waffe in die Menge zu schiessen.

In den Wochen seit seiner Einreise in der Schweiz hat er sich daran gewöhnt, dass ihm abends, wenn er zu Fuss von McDonald’s oder vom Fitnessstudio nach Hause geht, Polizisten folgen. Manchmal begleiten sie ihn bis vor die Haustür. Er tue einfach so, als seien sie Gratis-Bodyguards, erklärt er mir. Wobei nicht ganz klar wird, ob er das nur aus Höflichkeit sagt. «Die Schweizer Polizei ist wirklich sehr gut», sagt er. «Sie ist immer sofort da.»

Diego hat nichts zu verbergen. Aufgrund seines niederländischen Passes ist er EU-Bürger und hat drei Monate Zeit, in der Schweiz einen Job zu finden. Bisher hat er keinen Wohnsitz angemeldet, aber ins Haus dürfen die Polizisten ihm nicht ohne konkreten Verdacht folgen.

Termin mit dem Hausverwalter

Für Sonntag haben wir einen Plan: Diego will mich zum Gottesdienst mitnehmen. Dass ich nicht religiös bin, hat seinen missionarischen Eifer entfacht. Er erzählt nun öfter von seinen Erleuchtungsmomenten mit Jesus. Ausnahmsweise würde er in eine englischsprachige Kirche gehen statt in eine spanische, damit ich den Prediger verstehe.

Aber dann, kurz vor dem Wochenende, wird sein Portemonnaie geklaut. Zur Kirche muss man mit dem Bus fahren, was Geld kostet. Ausserdem möchte er danach essen gehen. «Ich bin nicht die Sorte Mann, die sich von einer Frau einladen lässt», erklärt er so entschieden, dass ich mich nicht traue zu widersprechen. Also wird nichts aus dem Kirchenbesuch. In den nächsten Tagen verlässt Diego den Keller nur, um zum Fundbüro zu gehen. Es steht wohl nicht gut um seine Finanzen. Zeit, dass er eine Arbeit findet und in eine richtige Wohnung zieht.

Der Mann, der das Haus, um das es hier geht, verwaltet, gehört zu den Menschen, die verstanden haben, dass es besser ist, unterschätzt als überschätzt zu werden. Er trägt unauffällige Jeans, ein schwarzes T-Shirt und darüber ein schwarzes Jackett. Seine Haare sind im Nacken etwas länger, als es in den 1980er-Jahren modern war. Unter seinem Arm klemmt eine schwarze Aktenmappe, und er ist meistens gut gelaunt. Ich finde ihn humorvoll und sympathisch. Selbst eine geringe Mietzinserhöhung kündigt er so einfühlsam an, dass bei mir der Eindruck entstanden ist, er wisse auch kleine Geldbeträge wertzuschätzen – möglicherweise, weil er selbst nicht so viel hat.

Dass mein Bild vielleicht noch nicht vollständig ist, wird mir klar, als ich ihn aus seinem Auto steigen sehe. Das Auto ist schwarz, gross und amerikanisch. Tony Soprano, der Mafiaboss aus der legendären TV-Serie, fährt das gleiche Modell, nur in Weiss. Der Verwalter und ich sind verabredet, weil ich mit ihm ein journalistisches Interview über die Mieter in seinem Haus führen möchte.

«Wir haben die dann systematisch rausgetan»

Auf meine Einladung hin setzt er sich auf den Stuhl in meiner Küche, auf dem kürzlich noch Diego sass. «Es war Chaos in diesem Haus, als ich vor 20 Jahren angefangen habe», erzählt der Verwalter. «Handgeschriebene Verträge, Mieter, die gar keine Verträge mehr gefunden haben, wild, sehr wild.» Damals hätten ausschliesslich jugoslawische und albanische Grossfamilien hier gewohnt. «Ich sags mal so: Wir haben die dann systematisch rausgetan und vor allem Studenten-WGs einquartiert.»

Der Hausbesitzer habe alte, marode Immobilien aufgekauft und renoviert. Praktischerweise sei dieser Bauunternehmer und kümmere sich selbst um die Umbauten. Heute gehören ihm etwa 500 Wohnungen in Zürich. Der Verwalter kennt den Besitzer offenbar gut, er selbst besitzt ebenfalls Immobilien: 40 möblierte Wohnungen, die er an Expats vermietet. Das Betreuen von Mehrfamilienhäusern wie dem, in dem ich wohne, sei ein Nebenjob.

Ein Glas Wasser oder einen Kaffee lehnt der Verwalter ab, in einer Dreiviertelstunde muss er weiter. «Personen, die eine marktübliche Miete bezahlen können, finden problemlos eine Wohnung in Zürich», sagt er. «Aber es gibt heute ein relativ grosses Segment von Mietbewerbern, die niemand will. Randgruppen, die keiner im Gefüge möchte.» Den Ansatz, ein ganzes Haus an sozial schwache Personen zu vermieten, sieht er pragmatisch: «Wenn alle den gleichen Modus haben, kann es wieder funktionieren. Sie müssen sich das so vorstellen, als Vermieter: Sie verlangen eine etwas höhere Miete und fragen dafür nicht nach.»

Auch das Haus, in dem ich wohne, sei mal en bloc an einen dubiosen Geschäftsmann vermietet worden. Nach kurzer Zeit habe die Polizei im Treppenhaus einen Checkpoint errichten und jede Menge Leute verhaften müssen. «Sie haben natürlich jede Menge Ärger», sagt er. «Und Sie müssen damit rechnen, dass Sie früher oder später in der Presse stehen.» Tatsächlich wohnen in meinem Haus heute vor allem junge Akademiker wie ich. Dass dahinter die Strategie steckt, eine homogene, pflegeleichte Mietergemeinschaft zu etablieren, habe ich mir nie überlegt.

Seit die jugoslawischen und albanischen Grossfamilien ausgezogen sind, gehöre das Haus, in dem ich wohne, zu seinen angenehmeren Pflichten: Es sei die einzige Liegenschaft, für die er nie ein Inserat aufgeben muss. Immer finden sich neue Mieter für frei werdende Wohnungen über Mundpropaganda.

«Auch für den Keller?», frage ich. «Auch für den Keller», antwortet er.

Nun soll ich das Aufnahmegerät, das zwischen uns auf dem Tisch liegt, bitte ausschalten. Er macht eine kurze Pause.

Nun spricht der Mann, der ein Tony-Soprano-Auto fährt: «Der Keller ist natürlich schwierig zu vermieten, aber es gibt Leute, die Interesse haben.» Ein ehemaliger Werbeagenturbesitzer aus dem Seefeld sei mal ziemlich abgebrannt zu ihm gekommen. Der sei in die Drogen geraten. Habe Privatinsolvenz angemeldet, später die Scheidung, er musste die Eigentumswohnung verkaufen. «Verlustscheine von mehreren Hunderttausend Franken. Da kommen Sie nie wieder raus.»

Er beschreibt wohl den Mann, den meine Nachbarin Sandra aus dem Erdgeschoss als «den Schweizer Alkoholiker» in Erinnerung hat. Nach wenigen Monaten sei der Werber mit seiner Junkie-Freundin nach Spanien verschwunden. Als keine Miete mehr auf dem Konto einging, liess der Verwalter die Wohnung räumen.

Eigentlich könne ich das Aufnahmegerät auch laufen lassen, sagt er plötzlich. «Über die Jahre wurde die Wohnung im Keller ersessen.» Das Prinzip der Ersitzung ist in Artikel 662 des Zivilgesetzbuches geregelt, lese ich später: «Besitzt jemand ein Grundstück, das nicht im Grundbuch aufgenommen ist, ununterbrochen und unangefochten während 30 Jahren als sein Eigentum, so kann er verlangen, dass er als Eigentümer eingetragen werde.» Das Prinzip der Ersitzung gilt für Eigentum, nicht aber für die Zulässigkeit einer Nutzungsform. Was den Keller betrifft, lautet die entscheidende Frage: Bewilligt das Hochbauamt eine Wohnung ohne Fenster ins Freie? Und: Wurde diese Bewilligung eingeholt? «Die Wohnung ist nicht ganz offiziell», räumt er ein. «Das würde sehr viel bürokratischen Aufwand erfordern.»

Wer diesen Aufwand vermeiden will, darf keinen Verdacht erregen. «Die Stasi der Schweiz, das sind die Elektrizitätswerke», sagt der Verwalter, der vergessen zu haben scheint, dass wir uns in einer Interviewsituation befinden. Neben der Waschküche hänge für jede Wohnung ein Stromzähler, nur für die Kellerwohnung nicht. An meinem nächsten Waschtag finde ich diese Aussage bestätigt. Gäbe es für die Kellerwohnung einen eigenen Stromzähler, könnten die Mitarbeiter des Elektrizitätswerks Zürich, die von Zeit zu Zeit den Verbrauch der einzelnen Wohnungen ablesen, daraus Rückschlüsse ziehen. «Deshalb wird der Strom für die Kellerwohnung über den allgemeinen Zähler abgerechnet», erklärt er. Die Höhe der Nebenkosten sei fixiert, damit die übrigen Mieter wie ich nicht den Strom für die Kellerwohnung mitbezahlen.

Kellervermietung – ein Akt der Nächstenliebe?

Allmählich verstehe ich, warum Diegos Mitbewohnerin Daniela mir aus dem Weg geht, wenn ich ihr im Treppenhaus begegne. Warum sie keine Lust auf eine Unterhaltung hat. Warum keiner im Haus sie kennt. Sie weiss, dass sie offiziell nicht existiert. So muss es bleiben, will sie ihren Schlafplatz nicht verlieren. Dass das nicht passiert, dafür sorgt der Mann mit dem Tony-Soprano-Schlitten, der nun wieder in die Rolle des Verwalters schlüpft.

Kürzlich hat er den Mietvertrag überschrieben. Von der Mutter auf die Tochter. «Die leben vom Sozialamt, die können eigentlich gar keine Miete zahlen», sagt er. Aber einen geringen Prozentsatz solcher Mieter, findet er, vertrage es in der Liegenschaft. «Das hat in der Schweiz Tradition. In jedem Dorf hat es immer einen gehabt, der ist nicht so gut geraten. Jemand hat ihm einen Job gegeben, ein anderer hat geschaut, dass er irgendwo wohnen kann, und der Dorfpolizist hat gewusst, zweimal im Jahr hat der einen Aussetzer, bringen wir ihn halt nach Hause und sagen ihm: Reiss dich zusammen. Einen kann man mittragen.»

Der Verwalter schaut auf die Uhr, in zehn Minuten hat er den nächsten Termin. Als wir uns verabschieden und ich aus dem Küchenfenster zuschaue, wie er in sein Auto steigt, begreife ich: Er macht sich zwar seit Jahren vermutlich strafbar wegen Verstössen gegen das Planungs- und Baugesetz und vermutlich auch wegen Wucher. Ihm drohen Busse und Geld-, unter Umständen sogar Freiheitsstrafe. Aber sein Gewissen ist rein. Er betrachtet die Vermietung des Kellers als Akt der Nächstenliebe.

Als ich Mitte Dezember von einer Reise zurückkomme und im Treppenhaus den Briefkasten leere, steht Diego neben mir. «Was machst du denn hier?», wundere ich mich, «ich dachte, du seist ausgezogen?»

Diego schaut mich traurig an. Sein Freund hat die Wohnung, die er in Aussicht hatte, nicht bekommen und muss deshalb mit seiner schwangeren Frau in der Neufrankengasse 6 bleiben. Diego kann die Wohnung nicht übernehmen. Nun teilt er noch immer mit Daniela die etwa 30 Quadratmeter neben der Waschküche. Daniela, die nachts arbeitet und tagsüber schläft, muss immer an seinem Bett vorbei. «Wäre ich da unten allein», sagt Diego, «würde es mir eigentlich ganz gut gefallen.»

Alle Namen im Text wurden geändert, um die Identitäten der Personen zu schützen.

Erschienen in Das Magazin, 16.01.2016 und nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2016 in der Kategorie „Beste Lokalreportage“.